Minimierung von Risiken und Restrisiken durch Wing Tsun und Escrima
Written on 13. April 2009 – 06:21 | by admin
Wie reagieren Sie auf die Frage: Lieben Sie das Risiko? Ohne jede weitere Nachfrage und in Verbindung mit dem entsprechenden Persönlichkeitstyp wird diese Frage sehr gerne mit Ja beantwortet. Warum?
Zum einen kann man sich über die Beantwortung dieser Frage in zwei möglichen Art und Weisen darstellen: der Gefahrensucher, der Abenteurer, der Außergewöhnliche. Zum anderen als ein auf Sicherheit bedachter, abwägender Bedenkenträger. Die erste Kategorie wird mit den Attributen wagemutig und tapfer, also positiv bewertet. Die zweite Kategorie wird eher als ängstlich und negativ bewertet.
Wenn man jetzt die Fragestellung noch in den Kontext einbezieht, daß man die Frage vielleicht vor einer Gruppe von Gleichgesinnten gestellt bekommt, dann kommt hierbei noch erschwerend der Faktor der Gruppendynamik hinzu. Soll bedeuten, daß man jetzt natürlich innerhalb dieser Gruppe nicht negativ und ängstlich da stehen möchte und somit eine Antwort gibt, die eigentlich nicht dem wirklichen inneren Bauchgefühl entspricht.
Warum ist diese Betrachtung so wichtig? Zum einen, um sich selbst vor falschen Vorstellungen zu schützen, die einen selbst in einen Risikobereich bringen, der nicht mehr kontrollierbar ist. Denn wenn man jetzt auf die obige Fragestellung eine zweite Frage nachsetzt, die lautet: Würden Sie Risiken in Sachen Selbstverteidigung akzeptieren – dann würden all diejenigen, die vorher noch mit stolz geschwellter Brust ein Ja zum Risiko gesagt hatten, umgehend ein Nein antworten.
Wie kommt es aber dann zu einem solch plötzlichen Umschwung? Nun, die Antwort ist einfach und mehr als menschlich: die Frage – lieben Sie das Risiko – beantwortet der Gefragte im Rahmen seiner eigenen geistigen
Projektion, die selbstverständlich mehr als subjektiv positiv gefärbt ist. Es ist kein Risiko existent, da man sich auch zur Zeit der Fragestellung in keiner akuten Gefahrensituation befindet. Wenn man jetzt die zweite Fragestellung auf das Thema Selbstverteidigung bezieht, dann wird diese mentale Projektion des Gefragten massiv eingeschränkt und mit der Konsequenz bedacht: wenn mich jemand angreift, und ich einen Fehler mache, dann folgt eine nicht einschätzbare körperliche Verletzung.
Und genau in diesem Moment hat man all diejenigen, die sich zuvor noch als Abenteurer, Kämpfer oder Gefahrensucher sahen und darstellen wollten, wieder auf die wirklich vorhandenen menschlichen Instinkte
zurückgebracht: die angeborene Gefahrenabschätzung.
Wie kann man nun die obigen Ausführungen, die eigentlich mehr psychologischer Natur sind, auf die Kampfkünste des Wing Tsun und/oder Escrima anwenden?
Diese beiden Kampfkünste bestechen in ihrem Grundwesen durch ihre Logik, welche hauptsächlich dem Zweck dient, mögliche Risiken in Bezug auf Selbstverteidigung so zu minimieren, daß eine mögliche erletzung
aufgrund von menschlichem Versagen so minimal gehalten wird, daß sie auf keinen Fall lebensbedrohlich wird. Dies bedeutet, daß die Programmatik von logischen Kampfkünsten darauf basiert, ein redundantes körperliches Angriffssystem so zu vermitteln, daß der Anwender in die Lage versetzt wird, in jeder Phase einer Gewaltsituation (auch in der so genannten Vorkampfphase) die Kontrolle so auszuüben, daß unerwartete Ereignisse quasi nicht vorhanden sind.
Um diesen Gedanken besser darstellen zu können, läßt sich die Tätigkeit eines Versicherers hervorragend als Analogie heranziehen. Was ist die hauptsächliche Tätigkeit eines Versicherers? Er erhält die Anfrage zur
Versicherung eines Gegenstandes, einer Tätigkeit, etc. Nun analysiert der Versicherer die Grundstrukturen und ermittelt aufgrund seiner Erfahrung, auch in Mithilfe von Experten, mögliche Risikopotenziale, um
anschließend die so genannten „Worst-Case-Szenarien“ (also die schlimmsten Ereignisse, die eintreten können) finanziell und sachgerecht bewerten zu können, denn dafür muß ja der Versicherer im Ereignis Fall
eintreten.
Beispiel: ein Unternehmen möchte eine Feuerversicherung abschließen. Der Versicherer kommt und macht eine Ortsbesichtigung. Dabei werden alle Gefahrenpotenziale genauestens überprüft. Zum Beispiel ist es heute so, daß von Mitarbeitern mitgebrachte gebrauchte Kaffeemaschinen oder Wasserkocher mit das größte Gefahrenpotenzial für einen Brand darstellen, da sie zu Hause schon lange in Gebrauch waren, aber dennoch
nie von einem Experten auf den tatsächlichen Sicherheitszustand hin regelmäßig überprüft wurden. Dies bedeutet, daß das Unternehmen darauf achten muß, daß der Mitarbeiter nicht unkontrolliert sein vielleicht
bereits defektes Elektrogerät neben seinem Arbeitsplatz aufstellt.
Wie setzt man nun diesen Gedanken in der Selbstverteidigung um? Hier ein einfaches Beispiel ausgehend von einem geraden Fauststoß, der sich auf uns zu bewegt. Analysieren wir zuerst einmal die Energieverhältnisse: in dem Moment, wo der Angreifer die Faust positioniert um zu schlagen (die Positionierung muß als vorgelagerte Maßnahme stattfinden, da man ansonsten keine Balance hat), dann wird man feststellen, daß wenn die Faust die Startposition zum Schlag erreicht hat und eingenommen hat, die Faust an dieser Stelle über keine Bewegungsenergie verfügt, sondern lediglich über eine Energie der Lage oder potentielle Energie. Erst mit der Schlagbewegung nach vorne erhält die Faust eine Erhöhung der Bewegungsenergie, die ihr Maximum am Aufschlagpunkt erreicht, und dort die Bewegungsenergie an das Ziel übergibt.
Ausgehend von der Logik, daß man möglichst eine Kraftkollision vermeiden sollte, wäre es dann sinnvoll, den Fauststoß sehr spät abzuwehren oder zu bekämpfen, oder möglichst früh, sprich an der Startposition desselben? Sie werden jetzt mit Sicherheit sagen: möglichst früh, am besten an der Startposition, um den Fauststoß gar nicht erst in eine nach vorne gerichtete Bewegungen entstehen zu lassen. Dies ist eine
richtige und logische Betrachtung.
Und jede Bewegung unserer Körperextremitäten (Beine, Arme) von unserem Körper weg, gleichgültig in welcher Richtung, ist eine Angriffsbewegung. Wenn man nun die Startposition des gegnerischen Vorstoßes an derselbigen bekämpfen will, muß man seine Arme, Beine direkt auf diese Startposition zu bewegen. Logischerweise führen wir nun einen Angriff aus, mit dem Ziel, den gegnerischen Angriff nicht in eine Bewegungsphase kommen zu lassen.
Die Frage aber nun lautet, warum gehen so viele Selbstverteidigungskonzepte von ihrer Strategie her im Zeitintervall erst sehr spät in die Bekämpfung des Ausstoßes, soll heißen sie lassen der Vorstoßbewegung eine lange Energieentwicklung zu? Nun, die Antwort auf diese Frage ist sehr vielschichtig, und soll auch hier nicht Gegenstand sein. Vielmehr soll das obige Beispiel dazu dienen, wie man auch in Sachen Selbstverteidigung ein Risikoabschätzung vornehmen kann.
Das Risiko, dem Fauststoß eine Energieentwicklung zukommen zu lassen, ist für einen Verteidiger viel zu groß, denn man muß immer davon ausgehen, daß ein Angreifer über größere Energie- oder Kraftressourcen
verfügt. Auch ein Angreifer nimmt eine Risikoabschätzung vor – ähnlich wie im Tierreich, wo der Tiger einen Elefanten niemals alleine angreift, denn er schaut zum Elefanten auf, der um ein Vielfaches größer ist als
der Tiger selbst. Lediglich im Rudel greifen Tiger Elefanten an, da sie nun über eine Risikoabschätzung eine gleichwertige Ebene gefunden haben.
Deshalb muß man immer davon ausgehen, daß ein Angreifer körperlich größer und sich kräftemäßig überlegen sieht. Dies würde bedeuten, daß wenn man dem gegnerischen Fauststoß eine Energieentwicklung zubilligt,
man anschließend mit einem vielfachen der geschätzten Energie konfrontiert ist.
Die Risikominimierung in diesem Beispiel liegt darin, daß wir durch eine Angriffsbewegung in frontaler Richtung auf den gegnerischen Vorstoß zu die Energieentwicklung frühzeitig abschneiden, um so eine Begrenzung des
auf uns zu rollenden Energiepotenzials zu begrenzen. Dies bedeutet weniger Stress und dadurch weniger Eigenfehlerquote durch falsches Handeln aufgrund einer übermäßigen Energieeinwirkung.
Quelle:
Sifu Marcus Schüssler
www.wt-velbert.de






































